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Was haben die Russinnen, was die Schweizerinnen nicht haben?

Je teuerer die Kleidung, desto höher der soziale Status: Finalistinnen der Miss-Russland-Wahl posieren am White Turf St. Moritz. Quelle: key
Je teuerer die Kleidung, desto höher der soziale Status: Finalistinnen der Miss-Russland-Wahl posieren am White Turf St. Moritz. Quelle: key

René und Oskana Kuhn wünschen den Schweizerinnen mehr Mut zur Weiblichkeit. Weiblichkeit à la Russland. Hohe Schuhe, lange Haare, geschminkte Lippen. Eine Doktrin der Ästhetik, die von vielen Frauen hierzulande als anstrengend empfunden wird - vor allem, wenn sie tagtäglich nebst Beruf und Kindern zu leisten ist.

Claudia Landolt-Starck

Oksana Kuhn sagt im Interview mit dem Tages-Anzeiger: «Schweizer Frauen sind überhaupt nicht feminin. Sie vernachlässigen ihr Äusseres.» Ausserdem würden alle mit kurzen Haaren, in roten bequemen Männerschuhen und mit Rucksäcken herumlaufen, und ihre grauen Haare nicht färben. Eine Haltung, die viele Leserinnen empört. Ein Grund mehr, dem russischen Verständnis von Weiblichkeit nachzugehen.

Die russische TV-Moderatorin Anfisa Tschechowa weiss, dass viele Osteuropäerinnen eine ganz andere Ausgangslage hätten, was die Partnerwahl anbetrifft. «Es gibt bei uns so wenig attraktive Männer, dass sich auch ein totaler Versager die Frauen aussuchen kann, nur weil er nicht trinkt.» Der russische Mann sei vielfach faul, trunksüchtig, unhöflich und würde es als wichtigstes Statussymbol ansehen, sich eine ganze Batterie Geliebte zu halten. Aus Mangel an adäquaten Männern - und weil alleinerziehende Mütter sozial kaum abgesichert sind - dominiert bei den Frauen ein archaischer Versorgungsgedanke die Partnerwahl. Nach einer Umfrage hielten es 36 Prozent der befragten Frauen für das wichtigste Kriterium ihres Traummannes, dass er gesund und kräftig» ist, 34,1 Prozent meinen, er sollte «gut verdienen», und 28,6 Prozent, «keine schlechten Gewohnheiten haben». «Liebe und Treue» fanden nur rund 20 Prozent entscheidend. Dementsprechend tun viele Russinnen auch einiges, um einen Mann zu finden - und ihn dann zu halten. Miniröcke, Stöckelschuhe und Markenlogos sind im russischen Alltag nicht mehr wegzudenken.

Als deutsche oder Schweizer Touristin wird man mit praktischem Schuhwerk durch die verschneiten Strassen Moskaus oder St. Petersburg schreitend, schon mal von einheimischen Damen in Stöckelschuhe überholt. «Können die aber gut laufen in diesen hohen Schuhen», denkt frau da. Und nicht selten schwingt eine gewisse Überheblichkeit über so viel vermeintliche Unemanzipiertheit mit. Diese Art von Staunen kommt wie ein Bumerang zurück, wenn man Russinnen vor westlichen Designer-Boutiquen nach dem Unterschied zwischen hüben und drüben befragt. «Viele Deutsche und Schweizerinnen sind ungepflegt, sehr grau, irgendwie alle gleich», moniert eine Brünette, die ungenannt bleiben will. Wenn Schönheit hierzulande von innen kommen soll, ist sie weiter östlich vor allem eins: harte Arbeit. Shopping allein reicht da längst nicht. Makellose Fingernägel, perfekt gezupfte Augenbrauen, rosige Haut, tolles Make-up und natürlich eine tadellose Frisur gehören zur Standardausstattung. Eine Schweizer Autorin, die seit fünf Jahren in Moskau lebt und ihren Namen der Zeitung nicht nennen will, sagt: «In Russland ist es völlig undenkbar, mal ein paar Wochen mit herausgewachsenem grauen Haaransatz herumzulaufen».

Soviel Mühe ums Äussere kann man als oberflächlichen, unemanzipierten Perfektionismus abtun. Oder als Akt der Selbstliebe. «Die Russin feiert ständig Feiertage, indem sie sich schön macht», sagt Sylwia G., die ein Nagelstudio im Raum Zürich besitzt. Das liegt in der Tradition. Schon das russische Bürgertum im 19. Jahrhundert legte besonderen Wert auf Festkleidung. In der einstigen Sowjetunion konnte man davon noch Spuren erleben: Wer in einem besseren Restaurant bedient werden wollte, musste sich ordentlich anziehen. Selbst für das Kino kleidete man sich festlich. Und es ist noch nicht allzu lange her, dass man sich in Russland viele Kleider selber schneidern musste. Gerade wegen der Knappheit war und ist Mode so wichtig. «Auto und Haus fielen ja als Statussymbole weg, und auch deshalb haben Pelzmäntel und Kleider mit Markenlogos so eine Bedeutung», erklärt die Kulturhistorikerin Anna Tikhomirova, die in ihrer Dissertation die Damenmode der einstigen Sowjetunion und der DDR vergleicht. «Auch heute gilt in der ehemaligen UdSSR: Je teuerer die Kleidung, desto höher der soziale Status». Und Weiblichkeit ist ein Tool, mit dem gearbeitet wird. Getreu dem Motto: Warum etwas nicht nützen, dass mir Gott geschenkt hat? Ganz abgesehen davon ist der Konkurrenzkampf nicht nur in Sachen Geschlechter, sondern auch in Sachen Karriere riesig. Selbst wer gut ausgebildet ist und sich einer der begehrten Jobs ergattert hat, tut alles, damit dieser nicht verloren geht. Auch mit äusseren Attributen.

Raffy Locher, Manager der amtierenden Miss Schweiz, reist seit mehreren Jahren immer wieder nach Russland. Gegenwärtig absolviert er dort ein Master-Studium mit Schwerpunkt zur zeitgenössische russische Kunst. Locher ist überzeugt, dass der ausgeprägte Sinn für feminine Kleidung vieler Osteuropäerinnen auch daher rührt, dass eine ganze Zeitepoche an Russland vorüber gegangen ist. «Man darf nicht vergessen: Die Russinnen haben die gesellschaftliche Revolutionen der 70er und 80er Jahre nicht miterlebt. Keine Frauenbewegung, kein Flowerpower und schon gar keine freie Liebe. Dieser Teil der Zeitgeschichte fand dort schlicht nicht statt.» Locher weiss: «Kritik an sexy Kleidung ist für Russinnen daher nicht nachvollziehbar. Die Frauen dort haben das Gefühl der Freiheit in Bezug auf Modediktate nie erlebt.» Seine ehemalige russische Freundin dagegen habe es immer genossen, Turnschuhe zu tragen  - in der Schweiz.

 

Quelle: a-z.ch News

Letztes Update: 13.08.09, 15:28 Uhr

1 Kommentare zum Thema:
Anonymer User: Mervin
27.11.09 12:27 Uhr
Recht hat er, wenn die Schweizerinnen sich etwas mehr pflegen würden, gäbe es vermutlich weniger Scheidungen. Was da so rumläuft an verheirateten Schweizerinnen sieht aus wie ein Abklatsch von Marktfrauen auf einem Osteuropäischen Markt, vor 50 Jahren.
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