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Warum Züge manchmal durchfahren

Doch kein Halt in Aarau: Hält ein Zug in Aarau nicht an, sucht die Betriebsleitzentrale in Olten rasch Alternativen, damit die Kunden mit möglichst wenig Verspätung an ihr Ziel kommen. (Toni Widmer) Quelle: AZ
Doch kein Halt in Aarau: Hält ein Zug in Aarau nicht an, sucht die Betriebsleitzentrale in Olten rasch Alternativen, damit die Kunden mit möglichst wenig Verspätung an ihr Ziel kommen. (Toni Widmer) Quelle: AZ

In der Schweiz geht alle zwei bis drei Tage ein fahrplanmässiger Halt vergessen. Den Lokführern ist ein solches Missgeschick sehr peinlich.

Irena Jurinak

Mittwoch, 16. September, 12.30 Uhr: Am Bahnhof Aarau auf Perron 3 warten Passagiere auf den Schnellzug Richtung Zürich Hauptbahnhof. Der Zug nähert sich aus dem Tunnel, Pendler stehen von den Sitzbänken auf, kommen aus dem Wartehaus. Doch der Zug rast vorbei, lässt die verdutzten Pendler einfach auf dem Perron stehen.

«Verpasste fahrplanmässige Halte sind zwar selten, aber möglich», sagt Roman Marti, Mediensprecher der SBB. «Ich fahre seit Jahrzehnten Bahn und habe noch nie eine solche Situation erlebt.» Einem Lokführer passiere ein solches menschliches Missgeschick im Schnitt einmal in seiner Berufskarriere. «Lokführer sind stolz auf ihren Beruf. Ein verpasster Halt ist ihnen enorm peinlich.»

150 verpasste Halte pro Jahr

Ungewöhnlich seien zwei Vorfälle am gleichen Bahnhof innert kurzer Zeit. Bereits eine Woche zuvor war ein Schnellzug Richtung Basel in Aarau durchgefahren. «Murphys Law scheint zugeschlagen zu haben.»

Bei jährlich 25,5 Millionen fahrplanmässigen Halten gehe ungefähr pro 170 000 Halte ein fahrplanmässiger Halt vergessen, also etwa alle zwei bis drei Tage, so Marti. «Verpasste Halte sind für die Reisenden zwar sehr ärgerlich, aber nicht sicherheitsrelevant.» Sie passierten, wenn sich ein Lokführer beispielsweise zu stark auf die Signale konzentriere. Diese zeigen nur freie Strecken an, nicht aber fahrplanmässige Halte, erklärt Marti weiter. «Der Lokführer muss sich sowohl auf Signale wie auf die Strecke selbst konzentrieren.»

Auf einem Laptop-Display beachtet der Lokführer während der Fahrt die so genannte Fahrordnung, welche Geschwindigkeiten, Haltebahnhöfe etc. anzeigt. Vor Beginn der Fahrt geht er den Zuglauf durch, prägt sich die Halte, Orte von Baustellen und speziell zu beachtende Einschränkungen ein. «Selbstverständlich behält er auch alle Funktionen des Zuges unter Kontrolle und garantiert die Sicherheit der Passagiere.»

Jeder Lokführer erhält bestimmte Zugverbindungen zugeteilt. Bevor er eine solche alleine fahren kann, begleitet er mehrmals einen erfahrenen Kollegen und macht sich Notizen.

530 Züge pro Tag durch Aarau

Die Schweiz verfügt über eines der dichtesten Bahnnetze Europas. Dabei gehört der Abschnitt Olten-Aarau zu den meistbefahrenen Strecken der Schweiz. Hier führen die grossen Fernverkehrsstrecken Basel-Zürich, Biel-Zürich und Bern-Zürich durch. Dazu kommt der Güter- und der Regionalverkehr. Insgesamt fahren laut SBB im Durchschnitt 530 Züge pro Tag auf dieser Strecke. Das macht 3710 Züge in der Woche oder 192 920 Durchfahrten pro Jahr. Es fährt also ungefähr alle 2 Minuten und 41 Sekunden ein Zug in den Bahnhof Aarau ein. Von den 530 Zügen sind es zirka 440 Personenzüge, die in Aarau täglich anhalten. (ROS)

Lokführer werden geschult

In der Ausbildung und in regelmässigen Schulungen erlernen Lokführer standardisierte Prozesse, um verpasste Halte zu vermeiden. «Beispielsweise indem der Lokführer im Rahmen eines standardisierten Ablaufs den nächsten Halt bei der Abfahrt laut vor sich her sagt.» Nach einem verpassten Halt wird der betroffene Lokführer von seinem Vorgesetzten zu einem standardisierten Gespräch eingeladen, um Verbesserungsmassnahmen zu erarbeiten.

Kommt es zu einer nicht fahrplanmässigen Zugdurchfahrt kontaktiert der Lokführer umgehend den Fahrdienstleiter. Dieser wendet sich an die Betriebsleitzentrale, welche rasch Alternativen sucht. Die betroffenen Kunden am Perron und im Zug sollen mit möglichst wenig Verspätung an ihr Ziel gelangen. «Gleichzeitig muss die Betriebsleitzentrale auch sicherstellen, dass die Massnahmen im dichtest befahrenen Schienennetz der Welt nicht grössere Auswirkungen auf andere Züge haben.»

Anstelle des Schnellzugs, der letzten Mittwoch seinen Halt in Aarau verpasste, hielt ein Intercity Bern-Zürich ausserfahrplanmässig in Aarau und nahm die betroffenen Passagiere mit. Sie kamen nur 2 Minuten später in Zürich an. Der Schnellzug selber hielt ausserfahrplanmässig in Lenzburg, damit die betroffenen Kundinnen und Kunden, dort auf die S3 umsteigen konnten. Die Reisezeit verlängerte sich für sie um 14 Minuten.

Quelle: Aargauer Zeitung

Letztes Update: 21.09.09, 19:44 Uhr