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Im Bahnwaggon tobt der Klassenkampf

Quelle: LiZ

Klassendisziplin ja oder nein – dieser Konflikt wird in den Waggons der SBB täglich von Neuem ausgefochten. Zwischen den «Noblen» in der 1. und den «Gewöhnlichen» in der 2. Klasse.

Martin Reichlin

«Jede Tag, immer s glich», möchte wohl so mancher SBB-Reisende in Anlehnung an ein Lied der Band Baby Jail vor sich hin singen, «ich nerv dich, du nervsch mich. Jede Tag, es isch a Plag, jede Tag.» Denn jeden Tag wird in den Zügen auf dem Schweizer Schienennetz eine Art Klassenkampf zwischen den Passagieren der 1. und der 2.Klasse ausgetragen.

P.D.*, Besitzerin eines 1.-Klasse-Generalabonnements, schildert ihn wie folgt: «Kurz vor der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof setzt eine wahre Völkerwanderung ein von Passagieren, die von der 2.Klasse zur Spitze des Zuges ziehen, um bei der Ankunft ja als Erste und ganz weit vorne aussteigen zu können.» Dabei werde sie erst von den Störenfrieden mit ihren Taschen und Rucksäcken angerempelt, «nur um dann fürs Aussteigen auch noch Schlange stehen zu müssen», ärgert sich die Marketingfachfrau mit Wohnort Bern und Arbeitsort Zürich.

Verboten im Intercity . . .

Dabei hat D. das Recht auf ihrer Seite – zumindest, solange sie in einem reinen 1.-Klass-Waggon eines Intercity-Zuges sitzt. Schliesslich hält Punkt 102 der Tarifbestimmungen für Schweizerische Transportunternehmungen, die dem «Bundesgesetz über den Transport im öffentlichen Verkehr» unterstehen, fest: «Die Reisenden haben Anspruch auf Beförderung in der Klasse, auf die ihr Fahrausweis lautet. Die Klasseneinteilung gilt auch für die Gänge, Vorräume und Einstiegsbereiche der Wagen.»

In der Praxis schreitet das SBB-Personal allerdings nur gegen die Aufweichung der Klassendisziplin ein, wenn «es gar hoch zu- und hergeht», wie es Edwin Dutler, Präsident der Fahrgastvereinigung Pro Bahn Schweiz, formuliert. Der Dietiker, mit seinem GA 1.Klasse viel unterwegs, monierte bereits Ende 2008 das mitunter rücksichtlose Verhalten der Mitreisenden aus der 2.Klasse. Und ärgerte sich darüber, dass «man nur blöde Sprüche zu hören bekommt und sich anöden lassen muss, wenn man reklamiert».

Seither haben die SBB in den Zügen Piktogramme mit den wichtigsten Spielregeln für die Bahnbenützer anbringen lassen. Verbessert habe sich die Klassendisziplin dadurch allerdings kaum, wie Dutler dieser Zeitung am Telefon sagte. «Es ist etwa gleich geblieben», so der Pro-Bahn-Präsident, «genau wie die Ausreden der ‹Vorne-Aussteiger›. Am häufigsten bekommt man immer noch zu hören, der Zug habe Verspätung und sie müssten Zeit gewinnen fürs Umsteigen.» Dabei sei es doch grade am Zürcher Hauptbahnhof viel effizienter, den Zug in der Mitte zu verlassen und die verbreiterte Passage Sihlquai zu nutzen als sich durch die betriebsame Bahnhofshalle zu kämpfen.

Dutler betont, dass er seine private Meinung äussere und nicht für den Fahrgastverband spreche. Pro Bahn ergreift bei dem «heissen Thema» nämlich nicht für eine der Klassen Partei, sondern fordert, dass alle Passagiere in den Zügen genug Platz haben sollten.

. . . erlaubt in der S-Bahn

Wie heftig in der 2.Klasse auf das heisse Thema reagiert wird, kann man in Internetforen zum Stichwort Klassendisziplin nachlesen. «Die gebildeten, anständigen, niemals pöbelnden, trinkenden, essenden Herren der 1.Klasse sollen doch mal einen Monat Rushhour 2.Klasse fahren und sich dann nochmals melden», kommentierte beispielsweise ein Passagier aufdem Onlineportal des «Tages-Anzeigers». Und eine andere meinte: «Was soll diese Diskussion überhaupt. Warum können sich die nörgelnden 1.-Klass-Fahrer nicht endlich damit abfinden, dass das Zwei-Klassen-Verhalten global der Vergangenheit angehört?» Die Abschaffung der 1.Klasse ist denn auch ein Vorschlag, der immer wieder zur Lösung des Klassenkonflikts gemacht wird. Insbesondere in den sehr gut ausgelasteten Zügen der Zürcher S-Bahn mache die Zwei-Klassen-Gesellschaft keinen Sinn mehr. Umso weniger, als sich dort die 1.Klasse schon heute kaum mehr von der 2.Klasse unterscheidet. In Doppelstockwagen mit beiden Klassen und offenen Treppen, so hält die Tarifbestimmung schliesslich fest, «gelten die Vorräume und Treppen als Bereich der 2.Klasse».

* Name der Redaktion bekannt

Quelle: Limmattaler Zeitung

Letztes Update: 01.03.10, 12:14 Uhr

4 Kommentare zum Thema:
Anonymer User: Peter Gloor
04.03.10 12:00 Uhr
Die Klassenteilung stammt aus der Anfangszeit der Eisenbahn und hat sich bewährt. Sogar kommunistische Länder haben sie, wie China.
Es gibt in allen Bereichen, wo man etwas kaufen kann, eine Auswahl billig und teurer. Siehe Flugreisen. Soll man da die Business Class abschaffen, weil es ein paar extreme Meiniungen gibt betr. der klassenlosen Gesellschaft? Auch im Migros. Jeder hat die Wahl, was er kaufen will. Warum nicht auch in der Bahn?
Anonymer User: MarkaNT
03.03.10 11:51 Uhr
Die SBB AG ist eine Profitorientierte Firma die ihr Personal Ausbeutet, vor allem diejenigen die nicht auf dem Büro arbeiten. Das interessiert den Zugfahrer natürlich nicht, aber er muss schon verstehen das die SBB auch auf der Einnahmenseite den maximalen Profit herausschlägt und das würde bedeuten das die erste Klasse ausgebaut würde.
Anonymer User: Mervin
01.03.10 16:09 Uhr
Wer mehr bezahlt soll mehr Komfort und vor allem Ruhe haben. Wer das nicht akzeptieren kann soll nach Nord Korea oder Kuba, aber auch dort existiert die klassenlose Gesellschaft nur auf dem Papier. Wegen ein paar kleinlichen Neider werden wir die 1.Kl. nicht abschaffen.
Anonymer User: Zweiklassen
01.03.10 12:39 Uhr
Gesellschaft, wie sieht das im Spital - Bildung - beim Arzt einfach überall aus. Zweiklassen Schweizer, Elite und Unterschicht, von Gleichwertung Chancengerechtigkeit - hier fehlt überall Rücksichtsnahme Respekt Welrtschätzung und Menschenwürde. Schutz wessen Integrität steht da in der Verfassung? Politik ist längst gefordert endlich für soziale Sicherheit besorgt zu sein. Vor dem Gesetz alle gleich oder wer doch gleicher?
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