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Familienbudget: 2295 Franken
Karin Seiler (43) und ihre drei Töchter müssen mit 2295 Franken im Monat auskommen. Karin Seiler ist eine von 1200 Alleinerziehenden im Aargau, die Sozialhilfe beziehen. Im Gespräch blickt Karin Seiler zurück auf die Vergangenheit.
Sabine Kuster
Dies ist die Geschichte von Karin Seiler (alle Namen geändert), eine von rund 1200 Alleinerziehenden, die im Aargau Sozialhilfe beziehen. Zu ihr gehören die drei Töchter Julia (6), Kim (8) und Melina (18). Es ist keine einfache Geschichte; sie handelt von drei Vätern, vier verschiedenen Wohnsitzen, von Schuldgefühlen und Gewalt. Die erste Folge ist ein Rückblick auf den Versuch, unter widrigen Umständen eine gute Mutter zu sein. Und darum, als Sozialhilfebezügerin das Selbstbewusstsein wiederzufinden.
Ein harmloser Anfang
Es brennt kein Licht in der Wohnung der Familie Seiler. Aus dunklen Winkeln erscheinen nacheinander Mutter Karin, die Töchter Julia, Kim und Melina mit ihrem Freund. Irgendwo ist der Jack-Russel-Terrier Rambo. «Ich spare durch den Tag Strom», sagt die Mutter. Doch das Tageslicht dringt nur mühsam in die Wohnung, es bleibt an vielen kleinen Dingen hängen: einer farbigen Girlande über dem Esstisch, Lampions in der angrenzenden Stube, einem Verkäuferli-Laden, Porzellan-Häschen und -Entchen im Setzkasten und vielen kleinen und grossen Schneekugeln zum Schütteln in der Wohnwand. Vor dem Fenster zum Balkon steht ein grosser Käfig mit fünf Meerschweinchen und einem Kaninchen. Hier wohnt die Familie seit sechs Jahren.
Ein Jahr in Armut
2010 ist das europäische Jahr der Armut. Die Caritas forderte im Dezember, das Jahr zu einer «Dekade der Armutsbekämpfung» zu erweitern und die 700000 bis 900000 Armen in der Schweiz bis 2020 um die Hälfte zu verringern. Diese Zeitung begleitet 2010 eine dieser Familien durchs Jahr. Monat für Monat machen die Seilers Kassensturz und erzählen von ihrem Alltag. In der nächsten Folge Anfang März schildert die Familie, was es bedeutet, mit 2295 Franken auszukommen. (kus)
Melina, die erste Tochter, kam vor 18 Jahren in einem Dorf in der Nähe von Solothurn zur Welt. Karin Seilers Beziehung zu ihrem ersten Mann klappte nicht. Sie liessen sich scheiden. Karin sorgte allein für Melina und arbeite in der Beiz, die sie und ihr eigener Vater gepachtet hatten. Nach zehn Jahren, im Alter von 35, verliebte sie sich in einen Lastwagenchauffeur und wurde vier Monate später schwanger. Man zog zusammen, plante, zu heiraten. Karin und ihr Vater kündigten das Pachtverhältnis der Beiz, die inzwischen mehr schlecht als recht lief.
Kaum genug Geld zum Essen
Doch dem Lastwagenchauffeur wurde es plötzlich zu viel. Karin war mit Kim im vierten Monat schwanger, als sie mit Melina von einem Tag auf den anderen bei ihm ausziehen musste. Die beiden übernachteten eine Nacht bei Karins Vater und fanden dann eine Wohnung in Solothurn. Am selben Tag stand die Mutter zum ersten Mal auf dem Sozialamt. «Ich kam mir vor wie der letzte Dreck», sag sie. «Der Beamte war unfreundlich und beschied mir, ich müsse noch zwei Wochen bis zum Monatsende warten, bis das Geld ausbezahlt würde. Dabei hatte ich kaum mehr genug Geld fürs Essen.» Sie sei sich vorgekommen, als hätte sie auf einmal die Pest. «Als wäre meine soziale Abhängigkeit ansteckend.» Die Nachbarn zeigten sich nicht. Erst als Kim auf der Welt war und damit der Grund für der Gang aufs Sozialamt klar war, schenkte ihr die Nachbarin Gemüse aus dem Schrebergarten.
Manchmal blickt Karin während des Erzählens zu Tochter Melina, die sich an vieles erinnert. Auch wenn sie damals noch ein Kind war. Kim sitzt neben ihrer Schwester. Sie soll ihr zeigen, wie man aus Schnüren ein Armband knüpft.
Einsamkeit und ein schreiendes Baby
Es wurde nicht einfacher, als Kim auf der Welt war. Im Gegenteil. «Ich habe gespürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt», sagt Karin Seiler, «das Baby schrie den ganzen Tag.» Wie sich später herausstellte, hat Kim die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADS. «Ich war körperlich und seelisch kaputt, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als mich durchzubeissen.»
Unterstützung kriegte sie manchmal von ihrem Vater, mit der Mutter hat sie schon lange keinen Kontakt mehr. «Meine Mutter brachte mir das Arbeiten bei, nicht die Kindererziehung», sagt sie. Stattdessen schlug die Mutter ihr einziges Kind.
Der erste Pfarrer, den sie bat, Kim zu taufen, zögerte, weil die Mutter keine Paten für ihr Kind hatte. Sie hatte keine Freunde. Ein anderer Pfarrer sagte zu und taufte Kim zusammen mit anderen Kindern, sodass es in der Kirche nicht auffiel, wie klein die Taufgesellschaft war.
Neubeginn im Ostaargau
Karin wollte, dass alles besser wird. Sie wollte nicht mehr allein sein. Sie machte eine Annonce. Ein Mann vom Bodensee, Fenstermonteur, meldete sich. Nach sechs Monaten war Karin erneut schwanger. Die Familie zog nach St.Gallen. Julia kam zur Welt. Als sich herausstellte, dass der Mann depressiv war, wusste Karin nicht mehr weiter. Sie tat, was ihre Mutter getan hatte.
Sie schlug die Kinder. Melina erzählte ihrem Lehrer davon, der sprach vom Fürsorgeamt. Die Mutter zog mit ihren Kindern aus. Sie fand eine Wohnung im Ostaargau, näher bei ihrem Vater.
«Hier wurde ich auf dem Sozialamt besser aufgenommen», sagt sie. Sie solle erst mal zur Ruhe kommen, hiess es, und die Mutter dachte: Jetzt leben wir unser Leben, die Kinder können Kinder sein. Doch es folgten schwierige Jahre. Kim kam in den Kindergarten. Sie konnte nicht still sitzen, vertrug sich mit den anderen Kindern nicht. Das Sozialamt legte ihr eine psychologische Betreuung nahe, andernfalls müsse man eine Amtsvormundschaft beiziehen. Sie willigte in eine therapeutische Familienbetreuung ein. Während zweieinhalb Jahren lernte sie, dass sie nicht alles falsch gemacht hatte bisher. Schritt für Schritt gewann sie ihr Selbstvertrauen zurück. «Ich fühlte mich wieder als Mensch», sagt sie, «auch ohne Job.»
Das war vor einem Jahr. Aus einer Nachbarin wurde eine erste gute Kollegin, die manchmal die Kinder hütet. Jetzt, am Ende des Gesprächs, sind die Kinder nicht mehr da. Die 18-jährige Melina hat die kleineren nach draussen gelockt. Sie wusste, dass es für Kim nicht gut wäre, zu hören, was die Mutter erzählt.
Quelle: Aargauer Zeitung
Letztes Update: 14.02.10, 17:11 Uhr









Schmäh als sozialistisch verschriehen, langsam kommen wir der Realität näher Fakt ist; Reichtum ohne Leistung - Armut ohne Schuld, nein es betrifft längst nicht mehr nur die Unterschicht, sozial Schwache schnell fallen Arbeitslose in Langzeitarbeitslosikeit und werden bald ausgesteuert,landen schuldlos in der Sozialhilfe. der Gang aufs Sozialamt bleibt für die Mehrheit ein entwürdigender Gang