Schnappschuss
Jeden Tag erscheint ein Bild in der Zeitung.
Feedback
In der Kürze liegt die Würze
Tagesfrage
Die aktuelle Tagesfrage
Der Luchs als Sündenbock
Raubtiere haben in den letzten Wochen frisch geborene Kälber angegriffen und teilweise regelrecht zerfleischt. Die Landwirte verdächtigen den Luchs und geraten dabei selber in Verdacht.
Patrick Furrer
Beim Bergrestaurant Althüsli in Selzach sind in den letzten Wochen gleich drei Kälber zu Tode gekommen. Die Bilder ähnelten sich: abgebissene Ohren, abgezogene Haut und Blutergüsse am Hals. Im gleichen Zeitraum wurde in Welschenrohr ein frischgeborenes Kälblein angegriffen. Als es die «Hinter-Brandberg»-Wirtin Verena Beguelin später entdeckte, waren nur noch Kopf, Füsse und Rückenskelett übrig. Einer der jüngsten Fälle passierte in Selzach, beim Gasthof mittleres Brüggli. Der Bauer fand vom toten Tier nur noch die vordere Körperhälfte. «Das haben wir noch nie erlebt», so seine Frau, Carmen Wyss.
Übeltäter in all diesen Fällen soll der Luchs sein. «Das vermuteten die eingeschalteten Jäger aufgrund der Pfotenabdrücke», erklärt Verena Beguelin. Obwohl die Fälle dem Kanton gemeldet wurden und dieser Fotofallen aufstellte, konnte aber kein Luchs mehr gesehen werden.
Kälber: seltene Beute
Der Luchs ist seit rund 30 Jahren wieder in der Schweiz heimisch. Populationen gibt es unter anderem in den Nordwestalpen und dem Jura, wobei die Dichte in den Alpen deutlich höher liegt. Wenn ein Luchs Nutztiere reisst, dann häufig Schafe oder Ziegen, Kälber sind äusserst selten. So tötete der Luchs gemäss Statistik im letzten Jahr im Kanton Bern 13 Ziegen, 14 Schafe und kein einziges Kalb. Die Kosten für die Luchsschäden beliefen sich auf 11 330 Franken. (fup)
Zwei neue Luchse gesichtet
Laut Aussagen hiesiger Jäger ist der Luchs im Solothurner Jura wieder häufiger zu sehen. Gegen 15 Tiere dürften sich im Kanton tummeln. Laut der Raubtier-Fachstelle KORA wurden in diesem Jahr im nördlichen Teil des Jura sechs erwachsene und zwei neue, junge Wildkatzen fotografiert. Zuletzt wurden Beobachtungen in Sumiswald, Trimbach und Balm gemacht. Im Kanton Bern ist der Luchs primär in den Nordwestalpen zuhause, im Diemtig-, Simmen- und Kandertal sowie im Jura.
Jäger haben «kein Problem» mit der Katze
Zwischen den Solothurner Jägern und dem kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei ist ist es friedlicher geworden. Nachdem die Jäger unlängst noch ein kantonales Luchsmanagement und eine Pachtreduktion forderten, haben sie laut ihrem Verbandspräsidenten Bruno Born derzeit «kein Problem mit dem Luchs und keine mit dem Kanton». Man habe sich an die Situation gewöhnt und warte ab, was auf Bundesebene geschieht. Das nächste kantonale Thema werde der Einbezug der Luchssituation bei der Neuverpachtung der Reviere sein. Diese finde erst in drei Jahren statt.
Dass der Luchs im Kanton Solothurn mehr zum Thema gemacht wird als im Kanton Bern, könnte gemäss Angaben der Raubtier-Fachstelle KORA daran liegen, dass im Solothurnischen die einzelnen Jagdreviere nach «Luchspräsenz» und nicht pauschal vergütet werden. Für jeden aufgrund seines individuellen Fellmusters bestimmten Luchses wird Geld im sogenannten «Luchspool» gesammelt, das in der Folge jährlich an die betroffenen Reviere (quasi als Schadenersatz für das gefährdete Wild) verteilt wird. So bleibt das Thema zumindest auf dieser Ebene stets aktuell. (fup)
Der letzte durch die zuständige Tierpathologie in Bern bestätigte Luchsriss geschah im September vor einem Jahr in Oensingen, als die Raubkatze zwei Schafe erlegte. Bei den aktuellen Fällen habe sich der Verdacht nicht erhärtet, erklärt Wildbiologe Mark Struch vom Solothurner Amt für Wald, Jagd und Fischerei. «Ein Fall beim Althüsli in Selzach von diesem September wird noch abgeklärt», räumt er ein.
«Luchs-Argument» kommt sofort
Jäger Adolf Hess ist der Luchsverantwortliche für den Hegering Lebern. Zusammen mit neun weiteren ausgebildeten Fachpersonen ist er mit dem Fotofallen-Monitoring im Kanton Solothurn beauftragt. Dass in der letzten Zeit vermehrt Kälber gerissen worden sind, sei auffällig. Auch er vermutet, dass im letzten Selzacher Fall der Luchs am Werk gewesen sein könnte. Allerdings gibt Hess ernsthaft zu bedenken, dass der Luchs «immer sofort verdächtigt» wird. Von allen angeblichen Luchsrissen entspreche aber ein winziger Anteil, im «einstelligen Prozentbereich», der Wahrheit.
Die Motivation, den Luchs zum Sündenbock zu machen, ist offenbar finanzieller Natur. Luchsrisse werden nämlich - im Gegensatz zu Fuchs- oder Hundeangriffen - von Kanton (20 Prozent) und Bund (80Prozent) entschädigt. «Über eine solche Entschädigung würden sich die Landwirte natürlich freuen», erklärt Hess. Immerhin gibt es für zwei Schafe schon rund 650 Franken Schadenersatz. Ähnlich sieht es auch Bruno Born, der Präsident des Jägerverbands RevierJagd Solothurn. «Ich kann mir bei den aktuellen Meldungen nicht vorstellen, dass es der Luchs war. Das ist eine Hysterie, die ausgelöst wird, weil die Bauern auf Geld hoffen.» Entschädigt wird nur in eindeutigen Fällen, im Zweifelsfalle gibt es kein Geld. Wildbiologe Struch: «Das Argument mit dem Luchs kommt allzu schnell. Deshalb ist es wichtig, dass die Risse sauber abgeklärt werden.»
Bauern bestreiten Vorwürfe
Die versteckten Vorwürfe an die Bauern weist der Bauerverbandspräsident Samuel Keiser entschieden zurück. «Da würde man die Landwirte völlig falsch einschätzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Bauern einfach so dem Luchs die Schuld zuweist.»
Tatsächlich weisen auch die betroffenen Bäuerinnen darauf hin, dass es sich lediglich um Vermutungen handle. Klar ist: Solche Wildtierrisse sind für die Betroffenen ein Verlust. Doch laut Bauernpräsident Keiser ist «nicht bekannt, dass Luchsrisse für die Solothurner Bauern ein Problem darstellten.»
Quelle: Solothurner Zeitung
Letztes Update: 02.10.09, 20:12 Uhr








