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Studierende setzen Professoren mit Online-Noten unter Druck

(Karikatur: Silvan Wegmann) Quelle: AZ
(Karikatur: Silvan Wegmann) Quelle: AZ

Laut Datenschützer verletzen Benotungen im Internet die Privatsphäre von Lehrpersonen. Anders sehen das die Betreiber dieser Online-Portale. Die Internetseite Meinprof.ch wächst täglich – Professoren werben um gute Noten.

Benno Tuchschmid

3000 Schweizer Studenten bewerten auf der Website Meinprof.ch ihre Professoren. Täglich kommen 20 neue Studenten dazu. Über 5200 Bewertungen sind mittlerweile online. Mit ungemütlichen Folgen für die Lehrpersonen: Etliche Dozenten bekommen die Bewertung «ungenügend». Doch jetzt kommt der Bewertungsdienst selber in Probleme. Der Eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür sagt: «Die Bewertungsplattformen stellen eine Verletzung der Privatsphäre dar.» Denn die Website Meinprof.ch erfüllt eine wichtige Forderung des Datenschützers nicht (siehe Interview): Sie lässt die Professoren im Netz bewerten, ohne sie darüber zu informieren oder sie um ihre Erlaubnis zu fragen.

Matthias Mahr, Sprecher der Meinprof-Betreiberin Studimedia, bestätigt das: «Ja, wir informieren die benoteten Professoren nicht.»

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«Da kommt vieles auf uns zu» – Der Datenschützer zu Online-Bewertungen

Sabina Sturzenegger

Herr Thür, sind die Bewertungsplattformen im Internet für Lehrpersonen und Professoren datenschützerisch kein Problem?
Hanspeter Thür: Doch, sie stellen unter Umständen eine Verletzung der Privatsphäre dar.

Warum genau?
Thür: Die Personen, die auf solchen Plattformen evaluiert werden, müssten vorgängig darüber informiert und um ihre Zustimmung gebeten werden. Es dürften keine Evaluationen stattfinden, von denen die bewerteten Personen nichts wissen.

Man kann aber nicht davon ausgehen, dass alle Professorinnen und Professoren auf www.meinprof.ch ihr Einverständnis zu ihrer Online-Bewertung gegeben haben. Warum passiert trotzdem nichts?
Thür: Wir bewegen uns in einer Grauzone. In der Schweiz hat es noch keine Beschwerden aus diesen Kreisen gegeben. Allerdings erwarten wir von den Betreibern von Meinprof, dass mindestens die Bewertung für die betroffenen Personen erkennbar ist und die Betreiber unsachliche Schmähkritik entfernen. Im Bereich der Bewertungswebsites wird noch einiges auf uns zukommen

Gibt es aus anderen Bereichen Beispiele?
Thür: Ja, der Fall des Ärzte-Ratings auf www.okdoc.ch hat uns ebenfalls zum Handeln bewogen, nachdem zahlreiche Beschwerden eingingen. Die Betreiber der Homepage müssen jetzt jedem Arzt, den sie bewerten, ein Informationsschreiben schicken. Falls der Arzt nicht einverstanden ist, muss Okdoc.ch auf eine Bewertung verzichten und den betroffenen Arzt von der Homepage löschen.

In Deutschland sind die Lehrer mit Klagen gegen die Bewertungsplattform Spickmich.de beim Bundesgerichtshof abgeblitzt. Ist das für Sie nachvollziehbar?
Thür: Nein, und ich zweifle daran, dass ein Schweizer Gericht das identisch beurteilen würde. Dort ging es um die Frage, ob auch anonyme Bewertungen durch die Meinungsäusserungsfreiheit geschützt seien. Das Bundesverfassungsgericht bejahte diese Frage unter der Voraussetzung, dass keine Daten aus der Privat- oder Intimsphäre oder unsachliche Schmähkritik veröffentlicht würden. Ich bin der Auffassung, dass anonyme Äusserungen nicht den Schutz der Meinungsäusserungsfreiheit geniessen.

Die Betreiber von Meinprof fühlen sich sicher - durch ein Gerichtsurteil bei unserem nördlichen Nachbarn: Am 23. Juni hat das höchste deutsche Gericht die Klage von Lehrpersonen gegen die deutsche Lehrerbewertungs-Website www.spickmich.de abgewiesen. Begründung des Bundesgerichtshofs: Das Recht auf freie Meinungsäusserung sei höher zu gewichten als das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Die deutsche Website ist vor allem für Primarschüler gedacht, während sich Meinprof.ch auf Hochschulen fixiert. Doch auch das deutsche Pendant Meinprof.de wurde in Deutschland schon von wütenden Professoren verklagt - zu einem Schuldspruch kam es noch nie.

Auch in der Schweiz melden sich bei Meinprof viele wütende Professoren, geklagt hat auch hier bis jetzt noch keiner. «Die Drohungen sind bloss warme Luft», sagt Meinprof-Sprecher Mahr. Sollte es trotzdem zu einer Klage kommen, wird es aber eng für Meinprof: Datenschützer Hanspeter Thür glaubt nicht, dass ein Schweizer Gericht zum gleichen Urteil wie der deutsche Bundesgerichtshof kommen würde. Auch in Frankreich sind die Richter weniger tolerant. Im vergangenen Jahr verbot ein Gericht in Paris eine Bewertungs-Website mit der Begründung, dadurch würde der Bildungsbetrieb gestört.

Schon einmal wäre es in der Schweiz beinahe zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Betreiber einer Lehrerbewertungs-Website und einer Schule gekommen. Im Jahre 2000 hatte ein damals 21-jähriger Schüler der Neuen Kantonsschule Aarau (NKSA) eine Website aufgeschaltet, bei der Schüler der NKSA ihre Lehrer anonym kritisieren konnten. Die Schulleitung war alles andere als amüsiert. Sie drohte dem Schüler: Entweder kommt die Website weg, oder die Justiz wird eingeschaltet. Wenig später war die Website nicht mehr online.

Während die Bewertungsseite des Kantonsschülers aus Aarau mehr eine Spielerei war, so geht es bei Meinprof ums Geschäft. Der Betreiber Studimedia unterhält noch andere Community-Websites für Studenten. Zwölf Personen arbeiten für das Unternehmen, alles aktive oder ehemalige Studenten. Das Professoren-Rating sieht Meinprof-Sprecher Mahr als «Kontrollinstrument» für Studenten.

Nirgends wird das «Kontrollinstrument» so stark genutzt wie an der Universität Bern: 958 Bewertungen haben Studenten zu Vorlesungen an der Uni Bern abgegeben. Und das wirkt sich auch auf die Professoren aus. Der Professor mit den meisten Bewertungen, Wirtschaftsrechtler Peter V. Kunz, wirbt aktiv für die Meinprof: «Ich mache meine Studenten auf diese Website aufmerksam.» Er habe keine Probleme mit anonymen Bewertungen. «Ich kann nicht öffentlich andere kritisieren und dann selbst dünnhäutig sein», sagt Kunz. Allerdings würden ihm die Feedbacks auf Meinprof für den Alltag nicht wirklich viel helfen. Da seien die Feedbacks an der Uni nützlicher. Und: Er wird meistens positiv bewertet. Das macht es einfacher, wie Kunz offen zugibt.

Quelle: Aargauer Zeitung

Letztes Update: 07.07.09, 07:47 Uhr

5 Kommentare zum Thema:
Anonymer User: Manu
07.07.09 20:48 Uhr
Ich habe während meiner Studienzeit viele Bewertungen ausgefüllt, habe aber nie eine Resultat davon gesehen. Oft hatte ich und auch meine Mistudierenden, dass Gefühl, dass diese Bewertungen nur eine Alibiübung waren. Verbesserungen konnte man leider oft nicht feststellen. Zudem kam nicht selten, dass Gefühl auf, dass die Hochschule bewusste schlechte Bewertungen zu ignorieren versuchte. Daher begrüsse ich eine Plattform wie meinProf.ch, die es ermöglicht die Bewertungen einzusehen. Ich wäre mehr als einmal froh gewesen zu wissen wie meine Vorgänger eine Vorlesung bewertet haben. So wären mir einige äusserst schlechte Vorlesungen erspart geblieben!
Anonymer User: Matthias Wehrli
07.07.09 13:03 Uhr
Es muss ja schlechte Erinnerungen an seine Schulzeit haben, wer Notengebung mit Gewalt assoziiert. Bei der Notengebung in Prüfungen wird ja stets die die Prüfung bestehende Mehrheit "belohnt".
Dass Schüler und Studenten ihre Lehrer benoten, finde ich in Ordnung. Aber das darf nicht öffentlich geschehen, sondern muss im Rahmen eines geschützten Intranets stattfinden. Darf der Banklehrling eine Website betreiben, auf der er seine Lehrmeister qualifiziert? Der wäre wohl nicht länger Banklehrling.
Anonymer User: Lösung
07.07.09 09:52 Uhr
keine Noten keine Webside. wer Gewalt sät erntet Gewalt
Anonymer User: logik
07.07.09 09:46 Uhr
logische Folge, wenn strukturelle Gewalt der Selektion herrscht , muss man in der Zeit des Internets mit solche Gegenmassnahmen der Gepeinigten rechen. In der Not ist der Mensch hoch kreativ, im Internet sind uns die Kids Meilen voraus. da stehen wir und wundern uns nur.... Beschwerdeweg über den Datenschützer , anstatt mit Anwalt vor den Schulrat. Jeder hat seine Verbündeten. Das Spiel ist offen
Anonymer User: Matthias Wehrli
07.07.09 07:56 Uhr
Liebe Professoren, kehrt doch den Spiess um. Stellt die Noten Eurer Studierenden ins Internet.
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