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«Ich glaube an Bildung – Bildung ist das A und O in Pakistan»

«Es gibt Momente, die mich verzweifeln lassen. Dann stelle ich mir einfach vor, dass ich einen Apfelbaum pflanze, der irgendwann Früchte tragen wird», sagt der Doppelbürger und Badener Einwohnerrat Yahya Hassan Bajwa. 	walter schwager Quelle: AZ
«Es gibt Momente, die mich verzweifeln lassen. Dann stelle ich mir einfach vor, dass ich einen Apfelbaum pflanze, der irgendwann Früchte tragen wird», sagt der Doppelbürger und Badener Einwohnerrat Yahya Hassan Bajwa. walter schwager Quelle: AZ

Der Badener Einwohnerrat Yahya Hassan Bajwa ist Doppelbürger. Er fliegt regelmässig nach Pakistan, wo das von ihm initiierte Projekt Living Education Mädchen und Frauen die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft erlaubt.

Elisabeth Feller

Yahya Hassan Bajwa, Baden

Der Doppelbürger Yahya Hassan Bajwa (49) ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Baden und ist hier Einwohnerrat der Grünen. Bajwa ist als Dozent, Dolmetscher und Politiker tätig. In Pakistan ist er Bürgermeister einer kleinen Gemeinde. «Dies ist ein Titel, der aus der englischen Kolonialzeit stammt und vererbt wird. Die Funktion eines pakistanischen Bürgermeisters ist nicht mit jener eines schweizerischen Gemeindeammanns zu vergleichen», erläutert Yahya Hassan Bajwa.(EF.)

Herr Bajwa, in Pakistan kämpfen Regierungsgruppen gegen die islamischen Taliban im Norden. Der pakistanische Staatspräsident Asif Ali Sardari bittet die Welt um Hilfe für eine Million Flüchtlinge in seinem Land. Pakistan ist . . .

Yahya Hassan Bajwa: . . . das gefährlichste Land der Welt. Pro Woche werden rund 40 Anschläge verübt.

Sie sind gebürtiger Pakistani, haben Ihr Land mit zwei Jahren verlassen, sind in der Schweiz sesshaft und schweizerisch-pakistanischer Doppelbürger. Weshalb reisen Sie mehrmals pro Jahr nach Pakistan?

Ich habe 2001 mit Gleichgesinnten den Verein Living Education gegründet, der in Pakistan Schulen für benachteiligte Mädchen aufbaut und unterhält.

Welche Ziele verfolgen Sie?

Wir wollen zeigen, dass es in Pakistan nicht nur Koran-Schulen gibt, die einen fundamentalistischen Islam predigen und den Westen verteufeln.

Wollen Sie die Kultur des Islam mit jener des Abendlandes versöhnen?

Ja. Unser privates Internat «Burj al Im» («Turm des Wissens») liegt rund 15 Autominuten von der Schweizer Botschaft entfernt in Athal, einem Vorort der Hauptstadt Islamabad. Religion spielt in unserer Schule eine grosse Rolle, aber es spielt überhaupt keine Rolle, welcher Religion die jungen Frauen angehören.

Diese Mädchen, die in der Schule eine Ausbildung bekommen sind . . .

. . . Waisenkinder. Es handelt sich aber auch um junge Frauen, die aus der Unterschicht stammen. Mädchen und Frauen sind in Pakistan auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Dagegen kämpfen wir an.

Mit Bildung?

Ja. Bildung ist das A und O. Noch immer können 70 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer in Pakistan weder lesen noch schreiben.

Weshalb ist Bildung gerade in Pakistan derart wichtig?

Mit Bildung kann man gegen das ankämpfen, was in diesem Land allgegenwärtig ist: Korruption. Die Regierung ist korrupt, die Parteien sind lediglich auf ihre Macht bedacht. Hinzu kommt, dass das Land in der Weltpolitik eine Rolle spielt.

Weshalb?

Es geht, wie so oft, auch in Pakistan um Macht und handfeste Interessen - zum Beispiel um Erdöl.

Wird diese alles durchdringende Korruption nirgendwo thematisiert?

O doch. Die Medien schreiben sehr wohl darüber. Aber was macht man, wenn die Artikel bloss von einem kleinen Teil der Bevölkerung gelesen werden können?

Bildung ist dem Verein Living Education Herzensanliegen. Gibt es noch andere Anliegen?

Ja. Mit meinem Bruder Fida Hussain Waraich haben wir ein Kindergartenseminar, Kindergärten, Computerschulen sowie ein Menschenrechtsbüro für Frauen aufgebaut.

Welche Frauen suchen dieses Büro auf?

Sehr oft handelt es sich um solche, die von ihren Ehemännern misshandelt worden sind.

Wie können Sie ihnen helfen?

Wir gewähren ihnen Schutz und Sicherheit. Ich erzähle Ihnen dazu eine kleine Geschichte. Kürzlich kam eine misshandelte Frau zu uns. Der Ehemann hat erstmals realisiert, dass seine Frau den Mut gefunden hatte, ihn zu verlassen. Er hat auch gesehen, dass sie bei uns Schutz und Sicherheit gefunden hat. Dann haben wir mit ihm gesprochen und unseren Einfluss geltend gemacht . . .

Was heisst das konkret?

Der Ehemann musste merken: Hinter meiner Frau steht wirklich jemand. Die Ehefrau ging nachher wieder zurück.

Läuft das immer so glimpflich ab?

Nein. Aber es läuft oft so ab.

Was passiert, wenn eine Frau sich scheiden lassen will? Wird sie nicht zwangsläufig im Elend landen?

Wir können ihr bei uns beispielsweise eine Ausbildung als Näherin oder Schneiderin anbieten.

Wo denn?

Wir haben in der Nähe von Wasiristan, an der Grenze zum Taliban-Gebiet ganz im Norden, eine Nähschule für Frauen aufgebaut.

Das Projekt living education

2001 gründete der Doppelbürger Yahya Hassan Bajwa mit Gleichgesinnten den im Kanton Aargau beheimateten Verein Living Education. Dieser setzt sich für Mädchen ein, indem er ihnen den Schulbesuch im Internat umsonst ermöglicht. Ausserdem bildet
Living Education auch Kindergärtnerinnen aus; www.livingeducation.org.
Postcheckkonto:
Living Education,
Bahnhofstr. 7, PF 1351,
5400 Baden
PC-Nr. 60-223344-6. (EF.)

Das ist ein «heisses» Gebiet. Wie kann man dort überhaupt ein Projekt wie Ihres auf die Beine stellen?

Eine Gruppe von Christinnen kam bei uns vorbei und bat um ein Frauenprojekt. Ohne Einheimische, die sich an Ort und Stelle auskennen, geht das natürlich nicht. Ich reise niemals ohne Begleitung, denn selbst ich als Pakistani werde gerade in nördlichen Gebieten als «Ausländer» angesehen und das ist jedes Mal lebensgefährlich. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man jemandem absolut vertrauen kann.

Die Taliban kämpfen im nördlichen Swat-Tal. Sie sollen bis 60 Kilometer an die Hauptstadt Islamabad herangekommen sein. Haben Sie keine Angst um Ihre Schule?

Natürlich sind wir mit unseren Projekten für die Bildung von Mädchen und Frauen überaus exponiert. Aber unsere Schule ist akzeptiert und geschätzt als Oase des Friedens.

Dabei scheint die Lage in Pakistan aussichtslos. Könnte man darob nicht verzweifeln?

Selbstverständlich. Es gibt immer wieder Momente, die mich, gerade im Zusammenhang mit der Korruption, verzweifeln lassen. Aber ich stelle mir dann einfach vor, dass ich einen Apfelbaum pflanze, der irgendwann Früchte tragen wird.

Was trägt Sie persönlich?

Das Lächeln einer jungen Frau, der wir helfen konnten. Ein Lächeln ist Millionen wert.

Die Taliban beherrschen die westlichen Schlagzeilen . . .

. . . dabei sind sie nicht von heute auf morgen nach Pakistan gelangt. Die Taliban gab es schon immer. Sie wurden in Koranschulen ausgebildet. Diese waren für arme Familien die einzige Chance, eines ihrer Kinder zur Schule zu schicken.

Damit sie lesen und schreiben lernen konnten?

Genau. Die Kinder lernten es, indem sie den Koran büffelten und auswendig lernten. Doch viele von ihnen wissen nicht, was tatsächlich im Koran geschrieben steht.

Beispielsweise keine Aufforderung zur Gewalt?

Der Koran fordert nirgends dazu auf.

Wer sich über den wahren Inhalt nicht im Klaren ist, kann doch instrumentalisiert werden?

Das ist so. Leider. Im Swat-Tal haben die Taliban jetzt ihre Scharia, die islamische Rechtsprechung, eingeführt. Diese besteht aber in erster Linie aus ihren Traditionen, die teilweise sogar vorislamisch sind. Aber dieses Hochland war nie eine Hochburg religiöser Fanatiker. Hier hat man gelebt, gefeiert und gearbeitet. Und: Religion war für jeden eine Privatsachen.

Ist das vorbei?

Ja. Jetzt ist das Taliban-Gebiet.

Weshalb gewinnen die Taliban immer mehr Macht?

Das Land ist wie gelähmt. Die Menschen haben genug von einem Staat, der versagt hat. Die Taliban versprechen eine Alternative.

Welche?

Ordnung.

Wie bitte?

Ja. Ein Beispiel: In Swat haben die Taliban begonnen, gewisse Polizeifunktionen zu übernehmen. Solches begrüssen selbst Pakistani, die mit der extremen Islamauslegung der Taliban gar nichts anfangen können. Pakistan ist einer Zerreissprobe zwischen unfähigem Staat und unbarmherzigen Taliban ausgesetzt.

Die Menschen sehen sich in Pakistan Bergen von Problemen, Ängsten und Unsicherheiten gegenüber . . .

Ja. Anders als im Westen geht es in Pakistan nur ums nackte Überleben. Die Probleme sind existentieller Natur: Gibt es heute Wasser? Ist es trinkbar?

Werden Sie dennoch weiter nach Pakistan reisen für Living Education?

Aber sicher. Ich gebe nicht auf. Ich glaube an Bildung.

 

Quelle: Aargauer Zeitung

Letztes Update: 15.05.09, 17:04 Uhr

2 Kommentare zum Thema:
Anonymer User: Schwester Myriam, Diemelstadt, Deutschland
21.05.09 19:24 Uhr
Danke für das Interview. Danke, dass Sie den Mut zu alternativen Berichten haben, die über Hoffnug, Frieden und Gewaltfreiheit berichten, seien diese Anfänge noch so winzig. Ich bewundere den Mut von dr. Yahya Hassan Baiwa. Weiter so. Es gibt unzählige Menschen wie er, die an ihrem Ort, in ihrem Alltag kleine Schritte des Friedens tun. Keiner zu klein, Friedensstifter zu sein. Über diese Leute müsste mehr berichtet werden statt über Dieter Bohlen oder Paris Hilton.
Frohe Grüsse und weiter so.
Anonymer User: Rafiq Tschannen
16.05.09 21:06 Uhr
Und wir wuenschen Dr. Yahya Hassan Bajwa und Living Education weiterhin viel Erfolg !
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